Reite Dein Pferd schön

Von Bewegungsgefühl und Mindsets

"Wenn man das Pferd zu der Haltung bringt, die es selbst annimmt, wenn es schön sein will, so macht man, dass das Pferd des Reitens froh wird" (nach Xenophon)

Oder anders gesagt: Mache Dir im Training die Haltung und Bewegungsmuster eines selbstbewussten, gesunden und fitten Pferdes in Freiheit zunutze. Bringe Dein Pferd in diese Haltung und es wird damit wachsen und sich schön entwickeln. Diese Körperhaltungen werden es sich gut fühlen lassen - das wiederum führt zu Selbstbewusstsein und gesunden Bewegungen und vor allem: Spaß an der Sache.

Ja, zugegebenermaßen: Lektionen wie die Passage oder ein Travers korrekt reiten können - das ist nicht für alle Freizeitreiterinnen selbstverständlich. Auch für mich nicht. Aber selbst, wenn wir nur Elemente davon übernehmen und unser Pferd "erstmal" dazu bringen:

- den Rücken aufzuwölben und sich ehrlich schwunghaft zu bewegen und gleichzeitig

- die Vorhand leicht zu machen und Last auf der Hinterhand aufzunehmen

...ist das ein Anfang! Und auch vom Boden lässt sich eine ganze Menge erarbeiten - oft sogar zunächst besser, gerade, wenn ich mir meines Hilfeneinsatzes auf dem Pferderücken noch nicht sicher bin.

Aber nochmal zum Grundsätzlichen: Das mit dem Rücken-Aufwölben und das Pferd von der Vorhand runter zu holen. Das kann ich mir von "schönen" Pferden abgucken.

Ich selbst finde es großartig, Pferde in gesunder Bewegung zu betrachten. Die Ausstrahlung, die ein Pferd zeigt, wenn es geschmeidig und voller Zufriedenheit seinen Körper im Gleichgewicht zeigt, ist durch nichts zu überbieten.

Guck' Dir was ab und fühle mit

Tatsächlich denke ich auch, dass genau diese Betrachtung von "schönen" Bewegungen mir ganz viel für mein eigenes Reiten bringt. Dazu gehört ein geschultes Auge, um "schön" von "künstlich" zu unterscheiden - dies mal vorweg geschickt. Außerdem brauche ich ein gewisses generelles Einfühlungsvermögen und insbesondere: Gefühl in meinem Sitz. Aber – hey – auch, wenn das noch wachsen muss; allein die Tatsache, lernen zu wollen und offen zu sein, ist schon ein erster Schritt.

Mit offenen Augen und Gedanken und ein wenig Feingefühl im Reiterinnenhintern kann ich mir einen Franziskus im Dressurviereck mit Ingrid Klimke ansehen und mir in vielen Momenten gut vorstellen, wie es sich da oben anfühlt. Das ist schon ganz viel wert! Denn, wenn ich eine Vorstellung davon habe, wie es sich anfühlen soll, weiß ich, ob das, was ich mit meinem Pferd erarbeiten möchte, sich in meinem Körper auf dem Pferderücken richtig anfühlt - oder eben nicht.

[Ja, natürlich gehört auch ganz viel Trial-and-Error dazu. Ja, natürlich fühlt sich jeder Bewegungsablauf auf verschiedenen Pferden auch immer etwas anders an. Ja, natürlich scheitert es bei mir auch oft an der korrekten Hilfengebung, so dass ich im ersten Versuch gar nicht in die Nähe von dem komme, wo ich hin möchte - dennoch:]

Mit dem "Abgucken" habe ich ein erstes "Inneres Bild" von dem, was ich erreichen möchte.

Ein Inneres Bild vom Gefühl

Kennst Du das? Du weißt genau, wie sich der Pferdrücken unter Dir bewegen soll, wenn Du angaloppierst (erst bergauf, dann fließend wellenartig ab und wieder auf) - und sobald Du dieses Gefühl verinnerlichst, galoppiert Dein Pferd an. Ein winziger Augenblick, über den ich mich unendlich freue. Wenn ich das erreicht habe, kann ich stolz auf mich sein.

Aber auch wenn ich erst daran arbeite, dorthin zu kommen: Ein Bild dazu im Kopf (und im Körper) zu haben, ist enorm hilfreich.

"Reiten mit Inneren Bildern" ist auch in der Reiter-Literatur ein großes Thema. Meistens geht es dabei aber um konkrete Figuren oder Tätigkeiten, in die wir uns versetzen sollen. Also - ein Beispiel - ich bin eine Boje und fange die Schwingung des Wassers (=Pferderücken) so geschickt auf, dass ich dennoch aufrecht bleibe. Oder zum Hände-ruhig-Halten und gleichmäßige Zügellänge in Wendungen: Ich stelle mir vor, einen Einkaufswagen zu schieben.

Die Schwierigkeit besteht nur leider darin, dass diese Bilder bei jeder von uns andere Gefühle auslösen und somit auch anders umgesetzt werden. Im ersten Moment denke ich nämlich bei einer Boje an etwas, das völlig unkontrolliert auf dem Wasser tanzt und unten fest angebunden ist. Und der Einkaufswagen: Biegt der sich vor mir/unter mir? Wohl eher nicht. Außerdem bin ich kein Freund davon, die Hände beim Reiten wie an einer Stange auf einer (gedachten) Linie zu positionieren. Das funktioniert für mich nicht.

Bewegungsgefühle zum Mindset machen

Viel wichtiger finde ich es, ein bestimmtes "Mindset" an eigenen inneren Bildern zu entwickeln – und sei es, dass ich mir diese Bilder vom Abschauen von anderen Pferd-Reiter-Paaren erschaffe. Oder ich spüre einmal (vielleicht auf einem erfahreneren Pferd, das es Dir zeigen kann), wie sich der flüssige, runde Aufwärtsgalopp anfühlen soll - behalte dieses Bewegungsgefühl im Gedächtnis - und übertrage es anschließend auf mein Pferd.

Und da sind wir wieder bei Xenophon und seinem Appell, dem Pferd Schönheit zu geben. Überlege Dir: Wie bewege ich mich, wenn ich stolz und erhaben bin? Wie kann ich dieses Gefühl auf mein Pferd übertragen?

Es ist doch wie mit dem Pony, das nur "Dicker" genannt wird: Der Name ist vermutlich Programm. Wie wäre es, das Pony mal mit "Hallo, Schöner!" zu begrüßen. Das spiegelt Deine Haltung wider. Oder umgekehrt: Es bringt Dir die richtige Haltung, Dein Pferd auch als "Schönen" zu sehen. Wenn Du es ernst meinst. Ich bin zum Beispiel irgendwann dazu übergegangen, mein Pferd statt "Hallo, Kleiner!" mit "Hallo, Großer!" zu begrüßen.

Beim Training versuche ich, ihm zu vermitteln: "Wow, ja – Du kannst das. Mach' doch die Bewegung nochmal, aber jetzt etwas deutlicher und bewusster!".

Mein Pferd ist größer geworden.

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